NEU IN GRAZ: MUSEUM FÜR GESCHICHTE

Es tut sich was in der Grazer Museumslandschaft. Das ehemalige »Museum im Palais« des Universalmuseum Joanneum ist jetzt das »Museum für Geschichte«. Die Eröffnung bot die ideale Gelegenheit, wieder…

02 Mai 2017 / Graz

Es tut sich was in der Grazer Museumslandschaft. Das ehemalige »Museum im Palais« des Universalmuseum Joanneum ist jetzt das »Museum für Geschichte«. Die Eröffnung bot die ideale Gelegenheit, wieder einmal in ein „heimisches“ Museum zu gehen. Das alte »Museum im Palais« kannte ich bereits genauer, da ich mich in diversen Lehrveranstaltungen zur Museologie damit intensiver beschäftigt habe. Ich war sehr gespannt auf die neue Gestaltung. In den Sozialen Netzwerken wurde schon über ein „neues Schaudepot“ gesprochen…

Um dieser Umstrukturierung gerecht zu werden, habe ich beschlossen, die einzelnen Komponenten dieser neuen Ausrichtung in separaten Blog-Beiträgen genauer vorzustellen. Hier soll es nun erstmal allgemein um Überlegungen zur neuen Konzeption gehen und ich möchte das neue Schaudepot näher betrachten. In zwei weiteren Beiträgen wird es dann um Bestandteile dieses „neuen“ Museums gehen:

♦ den Multimedialen Sammlungen (→ Fauth fotografiert – Ein weststeirisches Hof-Atelier)
♦ eine permanenten Installation im Eingangsbereich (→ Brigitte Kowanz: M/Licht 2017)

 

MUSEUM FÜR GESCHICHTE GRAZ

Die Eröffnungsveranstaltung hat viele Menschen ins Palais Herberstein geführt. Der prachtvolle Spiegelsaal des Palais war gut gefüllt. Die fünf Rednerinnen und Redner, unter anderem Direktor Wolfgang Muchitsch und Leiterin des Hauses Bettina Habsburg-Lothringen, hielten sich zwar einigermaßen kurz – alles in allem dauerten die Dankesreden dann doch ein Stündchen und im Saal stieg die Temperatur stetig. Allgemeine Erleichterung war zu sehen, als wir Zuhörer/Gäste in die wohl temperierten Räumlichkeiten des neuen Schaudepots entlassen wurden.
Was erwartet uns nun im Museum für Geschichte? Die „Neuerfindung“ des Hauses besteht vor allem darin, die Kulturhistorische Sammlung und die Multimedialen Sammlungen des Universalmuseum Joanneum zu vereinen und damit die Chance zu nutzen, den Wandel der Steiermark der letzten 900 Jahre aus verschiedenen und immer wieder neuen Perspektiven zu betrachten. Vor allem war es das Ziel, das 20. Jahrhundert nun adäquater einzubinden, als das bisher der Fall war. Neben den Ausstellungsräumen der Multimedialen Sammlungen im Erdgeschoss und dem Schaudepot im zweiten Obergeschoss wird künftig die erste Etage mit Sonderausstellungen bespielt. (Den Beginn macht ab 15. Juni 2017 »Ein Hammerschlag… 500 Jahre evangelischer Glaube in der Steiermark«.) Im Folgenden soll nun das Konzept des Schaudepots etwas genauer betrachtet werden.

DAS SCHAUDEPOT

Ein Depot, ein Ort, an dem Gegenstände aufbewahrt werden, verlangt eine andere Form der Präsentation als sie „gängige“ Ausstellungsdesigns für gewöhnlich haben. Das Bewahren ist eine der ureigenen Aufgaben des Museums. Die Kulturhistorische Sammlung des Universalmuseum Joanneum umfasst ca. 35.000 Objekte – etwas mehr als 2000 von ihnen werden hier von nun an wie eine „dichte Collage“ gezeigt. Die Besucher bekommen einen (vermeintlichen) Blick hinter die Kulissen geboten.

Die Ein- und Ausgänge sind mit Neonschrift kenntlich gemacht.

 

Das neue Museum für Geschichte will den Besuchern mit dem Schaudepot „Einblicke in das Herz des Museums“ geben und seine Sammlung vorstellen. Aufgeteilt auf sieben Themenkomplexe wie bspw. „ausstatten & dekorieren“, „reisen & fortbewegen“ oder „kleiden & schmücken“ werden kleine Einblicke in eben diese umfangreiche Sammlung gewährt. Die Besucherinnen und Besucher sollen erfahren, „wie die Steirer lebten“ – es soll also Aspekten der Identitätsstiftung auf den Grund gegangen werden. „Wie wir wurden was wir sind“ bildet neben „Kommen Sie zu uns, Ihre Geschichte ist schon da!“ das Leitkonzept, das als Basis des Hauses dienen soll.

Präsentation der Globen in der Abteilung für „forschen & wissen“.
Einblick in die kulturhistorische Sammlung des Universalmuseum Joanneum.
Details der Präsentation im Schaudepot des Museums für Geschichte.

 

IDENTITÄT – RELEVANZ – PERSPEKTIVEN

Diese drei Schlagworte begegneten mir im November letzten Jahres auf der Herbsttagung der Fachgruppe Geschichtsmuseen des Deutschen Museumsbundes. Diskutiert wurde über die identitätsstiftende Komponente von Museen mit (kultur-)historischer Prägung, die Relevanz ihrer Dauerausstellungen und ebenso über mögliche Perspektiven. Das Ergebnis, das »hier« nochmal kurz und knapp nachgelesen werden kann, präsentiert sich hier nun umgesetzt im „neuen“ Museum für Geschichte. Auf diese Überlegungen eingehend, folgt nun die Kombination der Forderungen der Tagung mit der Umsetzung des Museums für Geschichte:

1 – IDENTITÄT
Forderung: Identität soll angeboten werden – kann aber nicht gestiftet, sondern nur unbewusst weiter gegeben werden.
Bei der Präsentation einzelner Teile der kulturhistorischen Sammlung wird auf Fragen der Identität abgezielt. Woher kommen wir? Wie haben unsere Vorfahren ihr Leben organisiert? Welche Dinge haben sie hergestellt und verwendet? Zentrales Anliegen der Leitung sind die Steirerinnen und Steirer aus den Regionen, die hier ihr geschichtliches Erbe, das das Joanneum verwahrt, erfahren und erleben sollen.

2 – RELEVANZ
Forderung: Es soll eine „flexiblere Gestaltung“ der permanenten Ausstellungen überlegt werden.
Hier im Museum für Geschichte wurde nun die klassische Dauerausstellung völlig aufgegeben und durch ein Schaudepot ersetzt. Dieses Schaudepot bietet neue und auch ganz andere Möglichkeiten, Themen, die üblicherweise auch in Dauerausstellungen behandelt werden können, zu vermitteln. Das System ist flexibler – Objekte können leichter ausgetauscht und in neue/andere Zusammenhänge gebracht werden.

3 – PERSPEKTIVEN
Forderung: Mutig neue Wege beschreiten und Experimente zulassen.
Mit der Auflassung der Dauerausstellung und dem Verzicht darauf, eine neue zu präsentieren, und der Entscheidung für ein weniger bekanntes Konzept des Schaudepots, beweist das Joanneum Mut und ist bereit, sich auf Experimente einzulassen.

 

RISIKO & CHANCEN

Zwischen Begeisterung und Unverständnis. Nicht selten hörte ich Besucherinnen oder Besucher sagen: „Da findet man ja nirgends Texte! Woher soll ich denn jetzt wissen, was das ist?“ Oder: „Das Konzept ist schon eher gewöhnungsbedürftig. So was erwartet man von einem Museum nicht.“ Aber auch Positives wie: „Toll! Endlich mal etwas Anderes!“ Oder: „Ich mag diese neue Form der Präsentation.“ Auch die Materialien, welche die Ausstellungsgestalter gewählt haben, wurden begeistert oder verstört kommentiert. Nun ja, es sind Aluminiumregale, die einen an diese neuen Kellerverschläge in Mehrparteienhäuser erinnern, und ja, die Netzte, die über manche Teile gespannt wurden, können durchaus eine Herausforderung fürs Auge sein, da manchmal nicht nur Kameras ein leichtes Fokussierungsproblem plagt. Man könnte einen Baumarkt-Charakter attestieren – aber wenn es um Authentizität geht, und darum geht es ja in musealen Dingen häufig, dann ist diese zweifelsfrei gegeben. Ich habe noch nie einen Einblick in ein Museumsdepot erhalten, welches wie eine Ausstellung mit klassischem Ausstellungsmobiliar ausgestattet wurde. Natürlich kenne ich nicht viele Depots – aber ich behaupte das jetzt einfach mal ganz kühn. Ein Depot ist in erster Linie kein Ort fürs Auge – sondern es werden dort qualitativ hochwertig, platzsparend und unter den bestmöglichen Bedingungen Objekte (auf)bewahrt.

Die Verwunderung und Enttäuschung mancher Besucher kann ich durchaus ebenso nachvollziehen. Die alte Dauerausstellung war im musealen Sinne sehr klassisch. Sie hatte ein Oberthema (»Statussymbole«) und zeigte die schönsten und wertvollsten Stücke der bereits erwähnten, 35.ooo Objekte umfassenden, Sammlung des Joanneum. Die Inszenierung war dementsprechend herrschaftlich. Viel roter Samt, Gold und Pomp in dunklen Ausstellungsräumen. Die gezielte Beleuchtung verstärkte die berühmte museale Aura (wenn es sie denn gibt) und abseits der wenigen Objekten gab es wenig zu entdecken. Ein persönliches Highlight waren die Knöpfe auf dem Fußboden, die einem durch drauf treten historische Klänge der Zeit vorspielte – dem jeweiligen Thema/Raum angepasst. Ich habe viele Besucherinnen und Besucher dabei beobachtet, wie sie mit Neugier auf die ertönenden Klänge in jedem Raum regelrecht diese Knöpfe suchten. (Warum hat man dieses Element nicht in die Gestaltung des Schaudepots übernommen, wäre die Frage. Vermutlich sind bürokratische Gründe wie „Urheberrecht des vormaligen Gestalters“ oder so dafür verantwortlich). Wie dem auch sei – die „alte“ Dauerausstellung (»Statussymbole« wurde erst 2011 eröffnet. Soviel also zu dem allgemein an Dauerausstellungen verliehenen Haltbarkeitsdatum von 10-15 Jahren…) war schön – aber auf gewisse Art und Weise langweilig und sehr starr.

Die Neukonzeption ist eine Chance für das Haus, die nicht nur relativ leicht wieder ge- oder verändert werden kann, sondern auch durch ihre Flexibilität unzählige neue Möglichkeiten eröffnet. Der Bereich der Vermittlung kann mit einem Schaudepot ganz andere Früchte tragen und jeder Zeit Objekte austauschen und neue Exponate aus dem richtigen Depot der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ein Schaudepot kann dem Publikum neue Anreize bieten, beim nächsten Sonderausstellungsbesuch nicht gleich nachhause zu gehen, sondern danach auch nachzusehen, ob sich im Schaudepot nicht etwas getan hat. Natürlich muss man tatsächlich regelmäßig etwas ändern. Aber wie ich das Verstanden habe, ist das durchaus der Plan des neuen Museums für Geschichte in Graz.

Besucher unterhalten sich über das neue Konzept des Hauses.

 

Das Museum für Geschichte ist weiß Gott nicht das einzige Museum, welches neue Wege beschreitet und alte Muster aufbricht – aber es ist ein schönes Beispiel für ein mutiges Museum. Bei der Eröffnungsrede hat Bettina Habsburg-Lothringen erzählt, dass Direktor Muchitsch immer zu ihr sagte: „Wirst sehn, das wird super!“ Ich finde, er hatte recht. Und ich freue mich schon auf die Sonderausstellung, die dann ab 17. November 2017 zu sehen ist: »Geschichte erzählt. Die Steiermark im Überblick«, die entlang Fragen wie „Wie funktioniert Herrschaft im Mittelalter?“„Wie lebten Frauen in der Neuzeit?“ oder „Wann wird die Steiermark industrialisiert?“ in gut 100 Episoden das Werden und den Wandel der Steiermark zeigen wird. Da gibt es bestimmt eine Menge zu entdecken!


Museum für Geschichte
Sackstraße 16
8010 Graz

Öffnungszeiten
Mi-So 10–17 Uhr

 

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