DIE GRAZ-GESCHICHTEN DER MEHLSPEISENFRÄULEIN

Gestern Abend, 04. Mai 2017, besuchte ich die Auftaktveranstaltung der neuen Eventreihe des GrazMuseums »M\Eine Graz-Geschichte\n«. (Alle Veranstaltungen des GrazMuseum »hier«.) Das Konzept ist so…

05 Mai 2017 / Graz

Gestern Abend, 04. Mai 2017, besuchte ich die Auftaktveranstaltung der neuen Eventreihe des GrazMuseums »M\Eine Graz-Geschichte\n«. (Alle Veranstaltungen des GrazMuseum »hier«.)

Das Konzept ist so einfach wie überzeugend: (mehr oder weniger) bekannte Grazerinnen und Grazer führen dialogisch durch die Dauerausstellung »360GRAZ – Eine Geschichte der Stadt«.  Sie verbinden ihre eigenen Erfahrungen, persönlichen Erinnerungen und besonderen Erlebnisse mit ausgewählten Objekten der Ausstellung.

 

Lisi und Vera, die »Mehlspeisenfräulein«, sind die bekannte Konditorinnen, die uns im Rahmen dieser (vorerst) fünfteiligen Veranstaltungsreihe ihre Geschichte erzählen. Die beiden sind der/dem einen oder anderen Grazer/in bestimmt schon einmal begegnet – oder zumindest ihre leckeren Torten, Muffins und Cupcakes.

Natalie Resch „moderierte“ den Durchgang durch die Ausstellung und führte mit ihren Fragen sowohl die beiden Protagonistinnen, die in so einem besonderen Rahmen ihre Geschichte bisher noch nie erzählt haben, sowie auch das Publikum zu ausgewählten Objekten.

Natalie Resch (links) stellt die beiden »Mehlspeisenfräulein« Vera & Lisi vor.
Erstes Objekt: Das Bild von Katharina Prato, die 1858 in Graz ihr erstes Kochbuch veröffentlichte.

 

ZURÜCK HINTER DEN HERD?

Bei der ersten Station setzen wir uns mit Rollenbildern und Geschlechterverhältnissen auseinander. Katharina Prato, die 1858 als eine der ersten Frauen ein Kochbuch veröffentlichte, steht im »GrazMuseum« unter anderem für die Geschlechtergeschichte, für die Emanzipation der Frau und auch für die Entwicklung der Gleichstellung von Mann und Frau. Sie steht ebenso für den Weg der Frau weg von der „Hausfrau“ hinaus ins wirtschaftliche auch eigenständige Leben – auch wenn Prato es nicht unbedingt „notwendig“ hatte sich zu emanzipieren. Sie war leidenschaftliche Köchin und sammelte auf den Dienstreisen, zu denen sie ihren Mann begleitete, allerhand Rezepte. Ihr literarisches Talent machte ihr »Süddeutsches Kochbuch« zum regelrechten Verkaufsschlager.

Diese historischen Informationen erzählte Natalie Resch und stellte dann Fragen, welche die Parallelen bzw. Unterschiede zwischen den Biographien der Katharina Prato sowie der »Mehlspeisenfräulein« herausstellte. Aufhänger war die provokant formulierte Frage, ob sie sich als Bäckerinnen als schwaches Geschlecht fühlen oder es jemals ein „Problem“ war, dass sie sich für eine Karriere „hinterm Herd“ entschieden haben. Daraufhin erzählten Lisi und Vera wie alles begann… Dass sie klassische Quereinsteigerinnen sind, während des Studiums ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Backen entdeckten, aber erst nachdem beide ihren Master in BWL beendet hatten beschlossen sich mit ihrer Backstube selbständig zu machen. Sie erzählten weiter, dass sie sich mit antiquierten Rollenbildern in der Berufsschule konfrontiert sahen, wo hauptsächlich männliche Ausbilder mehrheitlich weiblichen Lehrlingen gegenüber standen. Das habe sie schon leicht irritiert, da sie sexistisches Verhalten oder Aussagen von der Uni her eigentlich nicht kannten. Dennoch bestanden sie erfolgreich ihre Meisterprüfungen und eröffneten dann ihre eigene kleine Bäckerei.

Ähnliche Einblicke wie diese gab es dann bei weiteren Objekten zu unterschiedlichen Themen. Orte der Stadt, an denen sie gebacken haben, an denen sie bereits eine ihrer bekannten »Pop-up-Bakeries« eröffnet oder wohin sie bereits Kuchen ausgeliefert haben. Fragen nach Produkten und der Herausforderung im Umgang mit Lebensmittelunverträglichkeiten machten den Abend informativ, kurzweilig und unterhaltsam. Nach dem offiziellen Teil gab es natürlich noch herrliche Kuchen zu verkosten und Gelegenheit nach Rezepten oder Tricks zu fragen.

 

BAKERY MEETS MUSEUM

Mit ihrer »Pop-up-Bakery« waren sie bereits einmal im Museum. Damals boten sie ihre Köstlichkeiten im Rahmen des »DesignMonat« im Kunsthaus Graz des Universalmuseum Joanneum an. Für dieses besondere Event heute im »GrazMuseum« stellten die »Mehlspeisenfräulein« aber nicht ihre Kuchenkreationen sondern sich selbst und ihre eigene(n) Geschichte(n) in den Mittelpunkt. Diese Veranstaltungsreihe steht für die persönlichen Anknüpfungspunkte, die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt in der Dauerausstellung haben können. Die Art und Weise der Präsentation – nämlich nicht die klassische Führung, sondern eben die dialogische Form – macht den Abend ungezwungen und locker. Ich selbst war schon zigmal in der Dauerausstellung des GrazMuseum und ich habe sie wieder ganz anders erlebt und neue Blickwinkel auf die Stadt kennengelernt. Diesmal war es die Geschichte von zwei jungen Konditorinnen, die die Stadt als Studentinnen und Jungunternehmerinnen erleben und ihre eigenen Geschichten und Erfahrungen hier mit historischen Anknüpfungspunkten weitergeben können. Der nächste Termin dieser Reihe wird sportlich: Eine Fußballlegende und ein Sporthistoriker werden durch die Ausstellung führen. Dann kommt noch eine Schauspielerin, ein Travestiekünstler sowie eine Sängerin. Alle werden einzigartige Geschichten erzählen. Alle werden andere Sichten auf die Stadt Graz eröffnen und man kann – in Verbindung mit der historischen Komponente der Dauerausstellung – Graz neu entdecken.

Ich wäre gerne bei allen Terminen dabei – leider geht es sich nicht immer aus. Die Idee der Reihe gefällt mir aber sehr und ich würde mir wünschen, dass dieses Konzept weitergeführt und auch weiterentwickelt wird. Potential ist in jedem Fall da! Graz von Grazern für Grazer. #mystoryofgraz

Natürlich gabs auch ausgewählte Kreationen der »Mehlspeisenfräulein« zu kosten.

 

Folgende Termine (jeweils um 18 Uhr – Dauer ca. 1 Stunde):

18. Mai 2017 – Fußballlegende Mandi Steiner & Sporthistoriker Benjamin Sikora

01. Juni 2017 – Schauspielerin Pia Hierzegger

22. Juni 2017 – Tuntenball-Mutti Miss Alexandra Desmond & das Gründungsduo von Crazy Home Town

07. Juli 2017 – Musikerin Vesna Petković


GrazMuseum
Sackstraße 18
8010 Graz

Mi-Mo 10–17 Uhr

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