DER TALISMAN KARLS DES GROSSEN

Der Infopoint Museen und Schlösser Bayern  ruft vom 10. April bis zum 14. Mai 2017 zur Blogparade auf und als „Neo-Bayerin“ folge ich diesem Ruf natürlich gerne….

20 Apr 2017 / Centre Charlemagne

Der Infopoint Museen und Schlösser Bayern  ruft vom 10. April bis zum 14. Mai 2017 zur Blogparade auf und als „Neo-Bayerin“ folge ich diesem Ruf natürlich gerne. Unter dem Hashtag #perlenfischen werden in den Sozialen Netzwerken Bloggerinnen und Blogger sowie Museen und andere Kulturinstitutionen  ihre persönlichen Museumsperlen vorstellen. Was für eine tolle Idee!!! Ich freue mich sehr darauf, die ganzen schönen Perlen zu bewundern.
(Und meine erste Blogparade ist das hier auch noch! Quasi Perlenfischer-Azubi. Ich bin ganz aufgeregt…)

Die Aufgabenstellung klingt auf den ersten Blick einfach – die Tücke offenbart sich für die/den Museophile/n aber unverzüglich: Die Entscheidung, welche Museumsperle man sich herauspickt, fällt schwerer als gedacht. Nimmt man ein Museum als Institution, eine besondere Ausstellung, ein einzelnes Objekt, eine außergewöhnliche Präsentation? Perlen wie Sand am Meer!

(Noch dazu ruht museumundmehr.com ja eigentlich gerade – aber die bisherigen Beiträge waren so inspirierend, dass ich einfach nicht widerstehen konnte auch eine Perle zu präsentieren. Irgendwo kann man sich immer noch ein bisschen Zeit freischaufeln… Die bereits veröffentlichten Beiträge zur Blogparade findet man übrigens ebenfalls hier.)

 

DIE REPLIK DES TALISMANS KARLS DES GROSSEN

Meine Museumsperle ist ein eine Reliquie. Genau genommen die Replik einer Reliquie – die Replik des Talismans von Kaiser Karl dem Großen. Ja, eine Replik oder Kopie ist für viele Museumsmenschen ein Sakrileg – schließlich will man authentische Objekte mit Aura und Geschichte im Museum finden/betrachten. (Achtung Pauschalisierung!) Die intensive Beschäftigung mit der Dauerausstellung des Centre Charlemagne hat mir in den vergangenen Monaten einiges an Kopfzerbrechen bzgl. Authentizität und Originalität bereitet – das werde ich an anderer Stelle näher erläutern. Hier soll es jetzt erst einmal darum gehen, warum genau diese Replik des Talismans für mich eine Museumsperle ist.

Zurzeit plagt mich die »Sehnsucht« nach Aachen sehr, weshalb ich mich dann letzten Endes auch für ein Objekt mit Aachen- bzw. Karls-Bezug entschieden habe. (Der Karli hat ja seine Spuren auch in Bayern hinterlassen – also ist die regionale Nähe zum Infopoint Museen und Schlösser Bayern irgendwie eh auch da.) Mein letzter Besuch im Centre Charlemagne war am 13. Januar 2017. An diesem Tag wurde anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Aachen und Reims eine kleine »Ausstellung in der Ausstellung« eröffnet. Gezeigt wurde die Replik des Talismans Karls des Großen, die ursprünglich von 13 Werkstätten der Gold- und Silberschmiedeinnung Aachen für das Karlsjahr 2014 gefertigt wurde. Heute ist der Talisman, wenn er nicht gerade auf Leihgabe-Wanderschaft ist, in der Dauerausstellung »Geschichte Aachens – Stadt Karls des Großen« des Centre Charlemagne zu sehen. Das Besondere an der Präsentation, die leider nur von 13. Januar bis zum 05. Februar 2017 anberaumt wurde, waren die fünf ausgewählten Interpretationen von Goldschmiedinnen und -schmieden die parallel gezeigt wurden. Als Besonderheit wurden auch eine detaillierte Aufschlüsselung der verwendeten Materialien sowie die Entstehungsgeschichte der Replik gezeigt.

Jeder wollte einen Blick auf den Talisman erhaschen.

 

RÜCKBLICK

Angeblich einst von Harun-al-Raschid, dem Kalif von Bagdad, als Geschenk an Karl den Großen gesendet, soll dann Otto III. 1000 n. Chr. den Talisman bei der berühmten Graböffnung – um Karls Hals hängend – gefunden haben. Er befand sich bis ins 18. Jahrhundert im Aachener Domschatz, ehe er ab 1804 den Hals von Joséphine, der Ehefrau von Napoleon I., zierte, die ihn dann familienintern weitervererbte. So war die letzte Besitzerin Kaiserin Eugénie, die Frau von Napoleon III, die den Talisman nach der Absetzung ihres Mannes 1870 behielt. Erst nach dem Ersten Weltkrieg (die Frau wurde 94) übergab ihn Eugénie dem Erzbischof von Reims. Das (vermeintliche) Original befindet sich heute im Musée du Palais du Tau in Reims. Als Reliquie wurde der Anhänger vermutlich ursprünglich genutzt, da er mit den angeblichen Haaren der „Gottesmutter“ Maria zwischen zwei großen Saphiren ausgestattet war. Nach seiner „Überführung“ nach Frankreich wurde stattdessen ein Glasfluss mit einer Kreuzreliquie eingearbeitet.

Im Grunde genommen ist alles Wissen über den Talisman vor dem 19. Jahrhundert nicht gesichert und vieles ist reine Spekulation. In der Forschung sind sie sich lediglich über die Materialien einig und darüber, dass es wohl ein spätkarolingisches Werk ist. In der Kunstgeschichte wird die Form des Talismans heute als Pilgerflasche gedeutet – der Aachener Dom bewahrt ja im berühmten »Marienschrein« neben dem (angeblichen) Kleid Mariens und dem (angeblichen) Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer sowohl die (angebliche) Windel als auch das (angebliche) Lendentuch Jesu auf. Heiligtumsfahrten und Pilgerwesen spielten und spielen in Aachen immer eine große Rolle, was diese spezielle Form des Anhängers erklären könnte. Dass das Maßverhältnis (1 zu 512) des Talismans demselben Verhältnis des Oktogons des Doms entspricht, würde eine Nähe zur Zeit Karls des Großen möglich erscheinen lassen.

Ob Karl der Große diesen Anhänger tatsächlich jemals getragen hat sei einmal dahingestellt – wetten würde ich nicht wollen. So geht es uns ja bei sehr vielen Exponaten aus der Zeit von Karl, der ja auch selbst sehr oft schon als Mythos bezeichnet wurde. Wer sich näher über die karolingische Goldschmiedekunst informieren will, dem möchte ich den Katalog zur Karlsausstellung von 2014 ans Herz legen und hier insbesondere den Band zu »Karls Kunst«. (van den Brink, Peter/Ayooghi, Sarvenaz (Hrsg.): Karl der Große – Charlemagne. Karls Kunst. Dresden 2014.) 

Die einzelnen Bestandteile des Anhängers werden präsentiert.


CHANCEN

Allgemein gesagt, egal ob Original oder Replik oder ob von Karl persönlich getragen oder nicht – dieses Objekt ist eine großartige handwerkliche Leistung und als museales Objekt wunderbar inszenierbar. Die Replik dieses Talismans steht für die deutsch-französischen Beziehungen, die europäische Geschichte und Integration im Großen sowie die Städtepartnerschaft von Aachen und Reims und für das Engagement der Goldschmiedeinnung, die dieses Projekt im Jahr 2014 möglich gemacht haben. Eine „Neu-Präsentation“ im Jahr 2017 ist eine wunderbare Möglichkeit, die Menschen wieder zu mobilisieren und ihnen einen Anreiz zu bieten, etwas schon Bekanntes, wie eine Dauerausstellung, mit erweiterten Facetten neu zu entdecken.

Natürlich hätte man hier im Centre Charlemagne noch mehr machen können. (Gut, man könnte ja immer mehr machen…)
Für mich ist nicht nur das Exponat selber, sondern auch diese temporäre Neu-Inszenierung eine „Museumsperle“. Ich möchte damit eine der Möglichkeiten aufzeigen, die ein kleiner Schritt sein kann, um aus festgefahrenen Traditionen auszubrechen. Die oft prekären finanziellen Lagen der Institutionen erfordern manchmal eben „kleine“ Ideen, wie bspw. einen Blick in die Herstellungsgeschichte zu gewähren oder den Besucherinnen und Besuchern auch die Hintergründe der Entstehung von Objekten – auch von Repliken – zu veranschaulichen.

Natürlich bin ich mir durchaus bewusst, dass es ganz viele Museen gibt, die auf bereits kreativ geworden sind und man X vergleichbare Beispiele aufzählen könnte. Gerade dieses Exponat ist auch definitiv kein „kostengünstiges“ Beispiel um Dauerausstellungen einen neuen Kick zu verpassen. Aber es geht ja hier vordergründig um Perlen –  und diese begehrtesten Perlen sind ja immer kostbar und sehr rar.

 

Der funkelnde Talisman verursacht auch funkelnde Augen.

 

Die Replik des Talisman Karls des Großen ist keine schnöde Kopie ohne Authentizität und Aura. Sie kann ein gewinnbringendes Element sein, um ein Museum für Besucher attraktiv oder wieder attraktiv zu machen.

Diese Museumsperle steht (für mich) für verschiedene – und vor allem wichtige – Aspekte der musealen Welt sowie der musealen (Re-)Präsentation.

Eine Replik

                  als Veranschaulichung der historischen und gegenwärtigen Handwerkskunst

                  als Chance für historisch-museale Vermittlung

                  als (länderübergreifendes) Kooperationselement

                  als Möglichkeit erstarrte Dauerausstellungen zu beleben

                  und vieles mehr…

In diesem Sinne:
Auch Repliken können Museumsperlen sein!
#perlenfischen

2 Kommentare

  • Sabine Wieshuber sagt:


    20. April 2017 um 21:19

    Liebe Eva,

    oh, mille fois merci et bravo pour cette perle – vielen lieben Dank für Dein #perlenfischen in Aachen!!! Mit so viel Herzblut, Verstand und wunderbaren Bildern hast Du uns hier den (angeblichen?) Talisman Karls des Großen vorgeführt – oder besser gesagt seine für kurze Zeit zu bewundernde Replik. Führ wahr eine echte Museumsperle der Goldschmiedekunst! Zugleich ein großes Plädoyer für Institutions- und hier gar länderübergreifende Kooperationen und das Vermittlungspotential, das sich mit dem Einsatz von Repliken im Museum eröffnet, auch bezüglich der Anbindung ans heute und jetzt mittels aktueller (Handwerks-)Technik(en).

    Vielen Dank für das Einbringen dieses Aspektes in die Blogparade! Dein Resümee können wir nur unterstreichen. Wir betreuen hier neben dem Informationszentrum zu Museen in ganz Bayern auch die „Münchner Kaiserburg“ – eine multimediale Dauerausstellung (also kein Museum!) zu Ludwig den Bayern und der Nutzungsgeschichte des Alten Hofes. Diese befindet sich in einem original spätgotischen Gewölbesaal des mittelalterlichen Herrschersitzes der Wittelbacher und greift allerdings in der Vermittlung auf Filme und zahlreiche Repliken zurück…

    Ach, und herzlichen Glückwunsch 🙂 die Blogparaden-Premiere hast Du mit Bravour gemeistert!!!
    Ganz liebe Grüße aus München
    Sabine
    Redaktionsteam Blog Musuemsperlen

    Antworten
    • Eva sagt:


      20. April 2017 um 23:18

      Liebe Sabine!

      Oh là là! Merci beaucoup pour ta commentaire et les compliments merveilleux! (Ich hoffe das stimmt so – lange her das mit dem Schulfranzösisch… 😉 )
      Ja, der Talisman bzw. dessen Replik steht quasi alleine schon für eine ganze Museumsperlenkette. Mir ist gerade aufgefallen, dass ich die Schönheit gar nicht deutlich genug hervorgehoben habe. Aber man sollte ihn ohnehin besser selbst begutachten – und natürlich auch das tatsächliche Original (!?) in Reims, wobei die Fotos eigentlich schon sehr viel versprechen.
      Die Münchner Kaiserburg klingt auch sehr interessant und durchaus vergleichbar mit Teilen des Centre Charlemagne. Repliken sind meiner Meinung nach ein wirklich wichtiger Bestandteil des Museumswesens. Verantwortungsvoll eingesetzt und vor allem aufbereitet können sie ein Gewinn für jede Ausstellung sein. Gerade in (kultur)historischen Museen, wo Ausstellungen ja nicht nur Geschichte präsentieren sondern zumeist auch Geschichten erzählen wollen. Um da die eine oder andere Lücke zu schließen sind Repliken ein probates Mittel. In der Kaiserburg musste man sich ja auch etwas einfallen lassen. Das werde ich mir bestimmt bald ansehen. Solche Konzepte finde ich ganz besonders spannend. Teilweise muss man vielleicht noch ein bisschen an der Sensibilisierung für Reproduktionen arbeiten – auf Besucher- und auch auf Museumsseite. Aber Schritt für Schritt wird diese „Mission“ gelingen. 🙂

      Danke noch einmal für die wunderbaren Worte und die Blogparade. Hat großen Spaß gemacht!
      Liebe Grüße – zur Zeit aus Graz – und bis bald in München!
      Eva

      Antworten

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