AACHEN UND DER »RHEINISCHE SONDERWEG«… #LUTHER2017

Aachen ist ja immer eine Reise wert und mich verbindet auch wirklich eine ganz besondere Liebe mit der Kaiserstadt. Aber die westlichste Großstadt Deutschlands…

03 Jun 2017 / Centre Charlemagne

Aachen ist ja immer eine Reise wert und mich verbindet auch wirklich eine ganz besondere Liebe mit der Kaiserstadt. Aber die westlichste Großstadt Deutschlands hat, neben den diversen Sehenswürdigkeiten, auch eine vielfältige Museumslandschaft mit  abwechslungsreichem Programm und vielfältigen Veranstaltungsreihen. Da ich vor allem auch eine besondere Beziehung zum »Centre Charlemagne« habe, ließ ich mir es natürlich nicht entgehen zur Eröffnung der Reformations-Ausstellung nach Aachen zu kommen. Ich kann somit die wunderschöne Stadt genießen und mein Wissen in Sachen Reformation und Konfessionalisierung aufbessern und ergänzen.

DAS RINGEN UM DEN RECHTEN GLAUBEN

Im Lutherjahr 2017 (in Aachen spricht man übrigens lieber vom Reformationsjahr) kann man nun in drei Museen der »Route Charlemagne« unterschiedliche Aspekte über die reformatorischen Bestrebungen im Großraum Aachen, also im Gebiet zwischen Maas und Rhein, erfahren. Dieses Ausstellungsprojekt wurde wegen „besonderem Bundesinteresse“ durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Prof. Monika Grütters mit Mitteln des Förderprogramms »Reformationsjubiläum 2017« gefördert. Aus Zeitgründen konnte ich nur die Ausstellung im »Centre Charlemagne« besuchen, von der ich hier kurz berichten möchte.

Blick in die Sonderausstellung


REFORMATION ALLGEMEIN

Luthers Thesenveröffentlichung hatten im Aachener Raum tatsächlich weniger Auswirkungen als in anderen Teilen Deutschlands. Dennoch prägten reformatorische Bestrebungen die Region sehr stark – wenn auch mit anderen Protagonisten. Ausschlaggebend waren aber hier ebenso mitunter der Ablasshandel und die große Unverhältnismäßigkeit in der katholischen Kirche wofür das unten abgebildete Objekt, ein prächtiger Ablassbrief aus der Gemeinde Burtscheid, stellvertretend steht. Im Eingangsbereich des Sonderausstellungsraumes wird allgemeine Basis – quasi Grundwissen der Reformation – präsentiert: Gründe, Reformer und Medien der Reformation, bevor es um die Aachen-spezifischen Aspekte der Reformation geht.

Ablassurkunde aus der Gemeinde Burtscheid
Die Protagonisten der Reformation
„Neue Medien“ im 16. Jahrhundert


DER AACHENER SONDERWEG

Im Aachener Raum war im 16. Jahrhundert ganz schön was los: in den Niederlanden herrschte der Achtzigjährige Krieg, in Deutschland der Dreißigjährige Krieg und dann war da noch der Truchseßschen Krieg und der Jülisch-Klevische Erbfolgestreit… Diese gewaltvollen Konflikte waren vermutlich mit verantwortlich, dass man sich hier um einen toleranten Umgang mit allen Glaubensrichtungen bemühte. In der Geschichtswissenschaft wird dies als der »Dritte Weg« bezeichnet – in der Region eher als »Rheinische Lösung«, also man schiebt die Entscheidung einfach vor sich her und kümmert sich nicht weiter drum bis man sich entscheiden muss, genannt. 1614, als dann dann die zweite Reichsacht verhängt wurde, musste in der »Causa Aquensis« dann eine Entscheidung gefällt werden. (Hier sei die Dissertation von Thomas Kirchner über die »Causa Aquensis« erwähnt, die weiterführend und vertiefend zu diesem Thema empfehlenswert ist. Kirchner, Thomas: Katholiken, Lutheraner und Reformierte in Aachen 1555-1618. Konfessionskulturen im Zusammenspiel (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 83), Tübingen 2015.)

Wie es in Aachen, welches zwischenzeitlich eine protestantische Ratsmehrheits hatte, und in der Umgebung in dieser ereignisreichen Zeit zuging, das erzählt die Ausstellung anhand einzelner Geschichten und vielen spannenden, einzigartigen und auch prunkvollen Exponaten. Auch wenn die graphische Wandgestaltung und die zahlreichen Objekte zwischenzeitlich verwirren können und manchmal ein bisschen das Narrativ abhanden kommt, so ergibt am Ende doch alles ein einigermaßen schlüssiges Bild. Vor allem persönliche Geschichten und Schicksale prägten die Region und werden in der Ausstellung gelungen herausgegriffen.

Kapelle der Toleranz – Grenzüberschreitende Geschichte zwischen Aachen und Vaals
Schülerinnen und Schüler waren schon im 16. Jahrhundert beliebte Adressaten der Reformatoren
Aachen profitiert lange Zeit von den Krönungen, vom Pilgerwesen und den Heiligtumsfahrten und hängt an seinen Traditionen…


REFORMATION HEUTE

Die Aufgabe von Museen ist ja auch immer einen Anknüpfungspunkt in der Gegenwart zu finden und auch Diskurs- und Diskussionsraum zu bieten. Mit Blick auf die heute in Aachen lebenden Menschen und ihre Religion, Konfession oder ihren Glauben hat man vor und/oder nach dem Besuch der Sonderausstellung die Möglichkeit zu reflektieren und sich mit „den anderen Religionen“ auseinanderzusetzen. Im Sinne der Partizipation sind auch die Besucherinnen und Besucher aufgefordert ihre Thesen an die Wand zu „schlagen“. Gut, dieses Element wird vermutlich so ziemlich jede „Luther/Reformationsausstellung“ aufgreifen – aber auch zurecht! Und es ist auch wichtig, dass das Museum ein Ort für diese Wünsche und Anregungen sein kann.

Woran glaubst du? Funktioniert das Nebeneinander der Religionen auch im 21. Jahrhundert?
Partizipatives Museum: Welche Reformwünsche gibt es heute?


AUSSERDEM:

Die Ausstellung ist durch ihre, an Kirchenfenster angelehnte, Gestaltung sehr atmosphärisch und erzeugt eine ganz besondere Stimmung. Die (notwendige) Dunkelheit wird durch die beleuchteten und farbenfrohen Fenster aufgebrochen und macht den Ausstellungsraum natürlich sehr sakral und auratisch. Der dreieckige Grundriss des Sonderausstellungsraumes stellt die Gestalter jedes Mal aufs neue vor eine Herausforderung, die aber auch jedes Mal auf neue anders und kreativ gelöst wird. Das Narrativ ist bei diesem Konzept zwar (für mich zumindest) nicht sofort ersichtlich und streckenweise auch verwirrend – mit Führung ist es dann aber stringent und logisch. Die Reformation und auch generell Religion ist nicht gerade mein Steckenpferd. Natürlich hab ich auch Grundwissen über die Konfessionellen Wirren der Frühen Neuzeit und darüber hinaus. Die Ausstellung »Das Ringen um den rechten Glauben« war für mich wirklich informativ und ich hatte zig Aha-Effekte. Die Reformation war ja in jeder Ecke Europas anders und ich bin ja eher durch den süddeutschen/österreichischen/steirischen Raum geprägt. Für mich war es wirklich spannend auch die „andere Seite“ und im Speziellen diesen »Aachener Sonderweg« kennen zu lernen. Wer also in der Ecke unterwegs ist, sollte sich das nicht entgehen lassen. 😉

 


»Das Ringen um den rechten Glauben«
3. Juni bis 3. September 2017

Centre Charlemagne:
„Reformation und Konfessionalisierung zwischen Maas und Rhein“

Couven Museum:
„Gold und Silber aus Klöstern des Dreiländerecks: Fromme Stiftungen von Bürgertum und Adel“.

Internationales Zeitungsmuseum (Bibliothek):
„Das Wittenberger Fest – Die Reformationsjubiläen im Spiegel der Presse.“

Di-So. 10-17 Uhr
www.centre-charlemagne.eu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

*